Fast jede Übersicht der ältesten ETFs beginnt beim SPDR S&P 500. Verständlich — bis heute ist es der größte ETF der Welt. Nur schreibt State Street auf der Fondsseite etwas anderes, als üblicherweise daraus zitiert wird: SPY ist der erste ETF, der in den Vereinigten Staaten notiert wurde. Nicht der erste weltweit.
Drei Jahre früher, am 9. März 1990, startete die Börse Toronto einen Fonds, der genau das tat, was heutige ETFs tun. Er hieß TIPs 35 und wurde zehn Jahre lang gehandelt.
Der am längsten gehandelte ETF und der allererste sind eben nicht dasselbe.
Die drei ältesten ETFs, die bis heute gehandelt werden
Verwechselt wird üblicherweise erst der dritte Platz.
| Unternehmen | Kurs | Änderung % | Börse |
|---|---|---|---|
| State Street SPDR S&P 500 ETF TrustSPY | 776,34 USD | −0,20 % | NYSEArca |
| State Street SPDR S&P MIDCAP 400 ETF TrustMDY | 716,91 USD | +0,32 % | NYSEArca |
| NEXT FUNDS Nikkei 300 Index Exchange Traded Fund1319.T | 750,10 JPY | +0,00 % | Tokyo |
| iShares MSCI Australia Index FuEWA | 29,65 USD | −0,30 % | NYSEArca |
Kurse sind Richtwerte, mit Verzögerung.
Die Kurse werden live geladen. Alle drei US-Fonds sind an der NYSE Arca notiert, nicht an der NYSE und nicht an der NASDAQ.
SPDR S&P 500 ETF Trust (SPY) nahm am 22. Januar 1993 den Betrieb auf, gehandelt wurde er eine Woche später an der AMEX. Heute verwaltet er ein Vermögen von über 820 Milliarden Dollar und kostet 0,0945 % pro Jahr. Seit Auflage legte er 10,80 % jährlich zu, gerechnet mit reinvestierten Dividenden.
Der Anteilspreis von SPY seit 1993. Die Grafik zeigt nur den Kurs — die Gesamtrendite liegt höher, weil der Fonds zusätzlich vierteljährlich eine Dividende ausschüttet.
SPDR S&P MidCap 400 (MDY) kam zwei Jahre später. Der Trust-Vertrag datiert vom 27. April 1995, State Street nennt als Auflagedatum den 4. Mai. Der Fonds bildet vierhundert mittelgroße US-Unternehmen ab, kostet 0,23 % pro Jahr und kommt seit Auflage auf 11,32 % jährlich — also etwas mehr als SPY.
Der Anteilspreis von MDY seit 1995. Mittelgroße Unternehmen haben die großen langfristig geschlagen, bezahlt haben sie dafür mit tieferen Einbrüchen.
NEXT FUNDS Nikkei 300 (Code 1319) ist die Nummer drei, über die hierzulande kaum geschrieben wird. An der Börse Tokio wird er seit dem 29. Mai 1995 gehandelt, also drei Wochen nach MDY. Nomura führt ihn als überhaupt ersten in Japan notierten ETF, und in Tokio ist er der einzige Fonds mit einem Notierungsdatum vor dem Jahr 2001 — die nächsten japanischen ETFs kamen erst im Juli 2001. Eine Grafik seit Auflage lege ich nicht bei: öffentlich verfügbare Daten reichen nur bis 2008 zurück.
Wer wirklich der Erste war: Toronto, 1990
Die Toronto 35 Index Participation Units wurden am 9. März 1990 erstmals an der Börse Toronto gehandelt. Die Konstruktion entsprach dem, was wir heute von einem ETF erwarten: Der Trust hielt die Aktien der fünfunddreißig Indexwerte physisch, und oberhalb einer festgelegten Mindestmenge ließen sich Anteile direkt gegen diese Aktien tauschen, nicht gegen Geld. Die jährliche Gebühr lag bei 0,05 %, damit würde er auch heute bestehen. Ende September 1996 zählte der Fonds über 91 Millionen Anteile und ein Vermögen von mehr als 2,5 Milliarden kanadischen Dollar.
Die Börse legte später einen zweiten Fonds auf den breiteren Index TSE 100 auf. Im Jahr 2000 verschmolz sie beide zu einem einzigen, der heute unter dem Kürzel XIU läuft: Die Anteilseigner stimmten am 28. Februar ab, die Aufsicht entschied am 3. März, vollzogen wurde die Fusion in den ersten Märztagen. Die TIPs erloschen damit als Rechtsträger — und genau deshalb tauchen sie in den Ranglisten der ältesten Fonds nicht auf. Solche Listen entstehen nämlich meist so, dass man die heute existierenden Fonds der Reihe nach sortiert.
Der Börsenbetreiber äußert sich dazu vorsichtig. In einer Pressemitteilung aus dem Jahr 2020 bezeichnete er sie als weltweit ersten börsengehandelten Fonds, fünf Jahre später eher als Prototyp des modernen ETF.
Zwei Versuche, die dem vorausgingen
Der erste Versuch stammt aus dem Jahr 1989 und war kein Fonds. Die Index Participations genehmigte die US-Börsenaufsicht am 11. April 1989, ab Mai wurden sie an drei Börsen gehandelt. Es handelte sich aber um zweiseitige Verträge ohne Fälligkeit: Der Verkäufer hinterlegte eine Marge von 150 % und zahlte dem Käufer vierteljährlich das Äquivalent der Dividenden, die Aktien selbst musste er jedoch nicht halten. Hinter dem Konstrukt stand also kein Portfolio. Das Ende kam schnell — am 18. August 1989 entschied das Berufungsgericht des siebten Bezirks, dass es sich um Futures handele, für die die Aufsicht nicht zuständig sei, und hob ihre Genehmigung auf.
Der zweite Versuch kam näher heran. Der SuperTrust erhielt im Oktober 1990 eine Ausnahmegenehmigung, das öffentliche Angebot begann am 5. November 1992, also zweieinhalb Monate vor SPY. Anteile ließen sich in zwei verschiedene Wertpapiere aufspalten, die an zwei Börsen gehandelt wurden — das machte daraus ein Produkt für kundige Investoren, nicht für die breite Öffentlichkeit. Der Trust hatte zudem von Anfang an eine begrenzte Laufzeit und endete im November 1995.
Der australische Fonds und seine sechzehn Geschwister
iShares MSCI Australia taucht in Übersichten als drittältester ETF auf. Das Datum stimmt, 12. März 1996. Nur starteten am selben Tag sechzehn weitere Fonds: Der Anbieter brachte damals unter der Marke WEBS siebzehn Fonds auf einmal an die Börse, jeden auf ein einzelnes Land. Ausgerechnet Australien herauszugreifen ist willkürlich, das gleiche Recht auf den dritten Platz haben Japan, Deutschland und Mexiko.
Der Anteilspreis von EWA seit 1996. Vom Hoch aus dem Jahr 2007 bewegte sich der Kurs neun Jahre lang praktisch nicht.
Aus einer solchen Grafik ergibt sich eine Rendite von rund 3,5 % jährlich, und genau diese Zahl wird anschließend als Rendite des Fonds angeführt. Australische Aktien gehören aber zu den dividendenstärksten überhaupt: BlackRock weist im Factsheet zum 30. Juni 2026 seit Auflage 7,67 % jährlich bei reinvestierten Dividenden aus. Über dreißig Jahre ist das der Unterschied zwischen ungefähr dem Dreifachen und dem Neunfachen des eingesetzten Kapitals.
Je höher die Dividende, desto größer der Abstand zwischen Kursgrafik und tatsächlicher Fondsrendite.
SPY und MDY sind keine gewöhnlichen Fonds
Beide älteren US-Fonds haben eine Rechtsform, die bei heutigen ETFs kaum noch vorkommt: den Unit Investment Trust. Der Prospekt verbietet ihnen, Wertpapiere zu verleihen, Geld aufzunehmen, auf Marge zu handeln, leer zu verkaufen oder Derivate zu halten.
Für den Anleger folgen daraus zwei Dinge. Konkurrierende Fonds auf denselben Index gleichen einen Teil ihrer Kosten mit Erträgen aus der Wertpapierleihe aus, SPY nicht — der reale Abstand zur günstigeren Konkurrenz ist also größer, als es die Kostenquote allein nahelegt. Und die Dividenden der gehaltenen Aktien liegen laut Prospekt bis zur vierteljährlichen Ausschüttung auf einem unverzinsten Konto, weshalb der Fonds in einem steigenden Markt ein Stück hinter dem Index zurückbleibt.
MDY bietet die Wiederanlage der Dividenden über das Clearingsystem an, SPY hat sie im Prospekt ausdrücklich nicht, dort muss der Broker sie einrichten.
Wie viel hätte ein Anleger damit verdient? So lässt sich das nicht rechnen
Zu Artikeln dieser Art gehört fast immer eine Tabelle nach dem Muster „wer monatlich einen festen Betrag eingezahlt hätte, säße heute auf einem Vermögen“. Die Arithmetik einer solchen Rechnung stimmt. Das Problem ist, was sie verschweigt.
Wechselkurs. Die Fonds lauten auf Dollar, eingezahlt wird aber in der Heimatwährung — das gesamte Währungsergebnis trägt damit der Anleger. Wertet die Heimatwährung gegenüber dem Dollar über einen solchen Zeitraum um rund ein Viertel auf, kostet das etwa 1,2 Prozentpunkte pro Jahr, und vom modellhaften Endwert bleibt ungefähr ein Fünftel auf der Strecke. Der ausgewiesene „Gewinn“ sinkt um ein Viertel, weil die Einzahlungen gleich hoch bleiben.
Reihenfolge der Renditen. Bei einer Einmalanlage ist die durchschnittliche Jahresrendite exakt, auf die Reihenfolge kommt es nicht an. Bei regelmäßigen Einzahlungen gilt das nicht, weil jede Zahlung auf einen anderen Abschnitt der Reihe fällt. Zwei Reihen mit demselben Durchschnitt können bei identischen Einzahlungen fast um das Siebenfache auseinanderliegen, je nachdem, ob die guten Jahre früher oder später kommen.
Kosten und Steuern. Die Kostenquote von SPY allein nimmt über drei Jahrzehnte rund zwei Prozent des Ergebnisses, die Quellensteuer auf US-Dividenden weitere fünf, dazu kommen die Gebühren des Brokers und die Spanne beim Währungsumtausch.
Die Zahl aus einem solchen Modell ist deshalb keine Schätzung, sondern ein einzelnes Szenario — und zufällig ein besseres, als die meisten tatsächlichen Verläufe hergeben. Wer ehrlich vergleichen will, findet die Kosten im Artikel zur Kostenquote von ETFs aufgeschlüsselt oder rechnet sie im Gebührenrechner selbst durch.
Europa kam zehn Jahre später
Auf den ersten europäischen ETF wartete man bis zum 11. April 2000. Damals nahm ihn die Frankfurter Börse in ihr neues Segment XTF auf — zwei Fonds auf die Indizes EURO STOXX 50 und STOXX Europe 50. Beide existieren bis heute, nur unter dem Dach von iShares. Die Londoner Börse folgte zweieinhalb Wochen später, die Schweizer im selben Jahr.