Vorzugsaktien, auch Prioritätsaktien genannt und im Englischen als Preferred Stocks bekannt, stehen auf halbem Weg zwischen Aktie und Anleihe. Sie tragen eine feste, bei der Emission festgelegte Dividende, haben bei der Ausschüttung Vorrang vor den Stammaktien, und ihr Kurs hält sich in der Nähe des Nennwerts. Der Anleger verzichtet auf den Anteil am Wachstum der Firma und auf Stimmrechte und bekommt dafür eine Rendite, die die Dividenden von Stammaktien langfristig übertrifft.
In den USA ist das ein großer und liquider Markt. Die Emissionen werden mit einem Nennwert von 25 Dollar an der Börse gehandelt und stammen vor allem von Banken, Versicherern und Energieunternehmen. Für den normalen Anleger ist allerdings der Weg über ETFs praktischer, die Hunderte Emissionen auf einmal halten und jeden Monat ausschütten.
Wie Vorzugsaktien funktionieren
Die Dividende wird im Voraus als Prozentsatz des Nennwerts festgelegt. Eine Emission mit 25 Dollar Nennwert und einem Satz von 6 % zahlt 1,50 Dollar im Jahr, üblicherweise in vierteljährlichen Raten. An der Höhe ändert sich nichts, ob die Firma wenig verdient oder viel.
Der Vorrang vor den Stammaktien gilt gleich doppelt. Solange die Dividende auf die Vorzugsaktien nicht gezahlt ist, darf die Firma den Stammaktionären nichts überweisen. Und käme es zur Liquidation, werden die Ansprüche der Vorzugsaktionäre vor denen der Stammaktionäre bedient – allerdings erst nach den Gläubigern und den Anleihegläubigern.

Stimmrechte haben Vorzugsaktien in der Regel nicht. Aus Sicht der Firma sind sie ein Weg, Kapital aufzunehmen, ohne die Kontrolle zu verwässern.
Warum die Rendite hoch ist
Die höhere Rendite ist der Preis für drei Zugeständnisse.
Das erste ist der Nachrang. Gerät die Firma in Schwierigkeiten, stehen Gläubiger und Anleihegläubiger in der Reihe vor den Vorzugsaktionären. Für diesen Platz in der Warteschlange verlangt der Markt einen höheren Satz.
Das zweite ist das Rückkaufrecht. Die meisten Emissionen erlauben dem Emittenten, die Aktien nach fünf Jahren zum Nennwert zurückzukaufen. Sinken die Marktzinsen, zieht die Firma die teuer verzinste Emission ein und ersetzt sie durch eine billigere – dem Anleger deckelt dieses Recht den Kursanstieg über den Nennwert.
Das dritte ist eine Dividende, die niemals wächst. Eine Stammaktie kann ihre Ausschüttung über Jahre erhöhen, eine Vorzugsaktie nicht. Die Gesamtrendite nähert sich auf lange Sicht deshalb der Dividende selbst an.
Dazu kommt die Empfindlichkeit gegenüber den Zinsen. Die Kurse von Vorzugsaktien verhalten sich wie die langer Anleihen – steigen die Zinsen, verlieren ältere Emissionen mit niedrigerem Satz an Kurs. Viele Emissionen haben außerdem gar keine Fälligkeit, die Empfindlichkeit ist dann umso größer.
Ein Unterschied liegt auch darin, was passiert, wenn die Firma die Ausschüttung aussetzt. Kumulative Emissionen müssen die versäumten Dividenden nachzahlen, bevor irgendetwas an die Stammaktionäre geht. Banken geben aus regulatorischen Gründen aber nichtkumulative Emissionen aus – eine ausgesetzte Zahlung ist bei ihnen unwiederbringlich verloren.
Wer Vorzugsaktien ausgibt
Banken können Vorzugsaktien auf ihr regulatorisches Eigenkapital anrechnen, weshalb der Finanzsektor mit Abstand die meisten davon ausgibt. In Index-ETFs auf Vorzugsaktien entfallen auf Banken und Versicherer rund 60 bis 80 Prozent des Portfolios. Der Rest entfällt auf Netzbetreiber, Immobilien-REITs und Telekomunternehmen.
Die Konzentration auf einen einzigen Sektor zeigt sich jedes Mal, wenn es den Banken schlecht geht. Im März 2023, beim Zusammenbruch der Silicon Valley Bank, gingen die Kurse der Vorzugsaktien-ETFs gemeinsam mit den Bankaktien nach unten, obwohl die meisten Emittenten in den Portfolios keinerlei Schwierigkeiten hatten.
Einzelne Emissionen oder ETFs
Einzelne Emissionen werden an der New Yorker Börse unter eigenen Tickern gehandelt und wie eine gewöhnliche Aktie gekauft. Vor dem Kauf muss man allerdings den Prospekt durchgehen: ab wann der Emittent die Aktien zurückkaufen darf, ob die Dividende kumulativ ist und ob sich der Satz nach einiger Zeit von fest auf variabel umstellt.
ETFs nehmen dem Anleger diese Arbeit ab. Das Risiko eines einzelnen Emittenten lösen sie in einem Portfolio aus Dutzenden bis Hunderten Emissionen auf. Bezahlt wird das mit einer Verwaltungsgebühr – bei den hier verglichenen Fonds von 0,23 bis 0,83 Prozent im Jahr.
Beispiele für Vorzugsaktien
Die folgenden fünf Emissionen sind keine Kaufempfehlung. Sie sind so ausgewählt, dass jede einen anderen Strukturtyp zeigt – fester Kupon, Reset, variabler Satz, tiefer Abschlag und eine Emission im Rückkauffenster. Alle haben einen Nennwert von 25 Dollar.
Bank of America, Serie GG (BAC-PB)
Auf anderen Plattformen BAC.PR.B oder BAC PRB. Kupon fest 6,00 %, nicht kumulativ, der Emittent darf sie schon jetzt zurückkaufen. Eine klassische Emission einer amerikanischen Bank. Setzt die Bank die Ausschüttung aus, werden versäumte Dividenden nicht nachgezahlt – die Kapitalregulierung schließt die kumulative Struktur für große amerikanische Banken praktisch aus. Die Emission notiert unter dem Nennwert.
Rithm Capital, Serie D (RITM-PD)
Auf anderen Plattformen RITM.PR.D oder RITM PRD. Kupon fest 7,00 %, kumulativ, das entscheidende Datum ist der November 2026. Von da an wird der Satz neu berechnet, auf die Rendite fünfjähriger US-Staatsanleihen plus 6,223 Prozentpunkte – bei der aktuellen Fünfjahresrendite von rund 4,4 % käme der neue Satz auf über zehn Prozent. Ab demselben Datum darf der Emittent die Emission zum Nennwert zurückkaufen. Er steht damit vor der Wahl, die Emission einzuziehen oder deutlich mehr zu zahlen. Für einen Anleger, der nicht mit einer Prämie über dem Nennwert gekauft hat, ist keines der beiden Szenarien schlecht.
Annaly Capital, Serie F (NLY-PF)
Auf anderen Plattformen NLY.PR.F oder NLY PRF. Ursprünglich fest 6,95 %, heute ein variabler Satz mit 4,993 Punkten Aufschlag auf einen kurzfristigen Referenzzins, kumulativ. Die Emission des Hypotheken-REITs notiert über dem Nennwert und steckt im Rückkauffenster. Im August 2026 kündigte Annaly den Rückkauf der kompletten Schwesterserie I an, alle 17,7 Millionen Stück zu 25 Dollar, zahlbar zum 1. Oktober 2026. Wer die Serie F mit Prämie gekauft hat, bekäme bei einem Rückkauf ebenfalls nur den Nennwert. Der variable Kupon sinkt außerdem, wenn die kurzfristigen Zinsen fallen – und mit ihm sinkt auch die Rendite aus der Tabelle.
Duke Energy, Serie A (DUK-PA)
Auf anderen Plattformen DUK.PR.A oder DUK PRA. Kupon fest 5,75 %, kumulativ. Der niedrigste Satz der fünf ist Absicht – Duke Energy ist ein regulierter Versorger mit Investment-Grade-Rating, von dem der Markt nicht dieselbe Risikoprämie verlangt wie von einem Hypotheken-REIT. Der Abstand von rund drei Prozentpunkten zwischen Duke und Annaly ist der Preis des Kreditrisikos.
Public Storage, Serie H (PSA-PH)
Auf anderen Plattformen PSA.PR.H oder PSA PRH. Kupon fest 5,60 %, kumulativ, die Emission des Immobilien-REITs notiert von allen fünf am tiefsten unter dem Nennwert. Der Kupon stammt aus der Niedrigzinszeit und liegt heute unter dem Marktniveau, der Emittent hat also keinen Grund zum Rückkauf – er würde billiges Kapital durch teureres ersetzen. Der Markt bewertet die Emission als ewige Rente ohne Aussicht auf Rückkauf. Die Tabellenrendite ist deshalb real, bezahlt wird sie aber mit der längsten Duration der Liste – steigen die langen Zinsen, verliert sie am meisten an Kurs.
Wie die Emissionen aktuell gehandelt werden, zeigt die Tabelle. Die Handelsvolumina einzelner Emissionen liegen meist um Größenordnungen unter denen von Stammaktien, bei größeren Orders schlägt die Spanne zwischen Kauf- und Verkaufskurs auf die Rendite durch.
| Unternehmen | Kurs | Dividende | Rendite |
|---|---|---|---|
| Bank of America Corporation BAC-PB | 24,42 USD | 1,50 USD | 6,14 % |
| Rithm Capital Corp. RITM-PD | 25,11 USD | 1,75 USD | 6,97 % |
| Annaly Capital Management, Inc. NLY-PF | 25,97 USD | 2,26 USD | 8,70 % |
| Duke Energy Corporation DUK-PA | 24,05 USD | 1,44 USD | 5,99 % |
| Public Storage PSA-PH | 21,07 USD | 1,40 USD | 6,64 % |
Kurse sind Richtwerte, mit Verzögerung.
Die wichtigsten ETFs auf Vorzugsaktien
PFF (iShares Preferred and Income Securities ETF) ist der größte Fonds der Kategorie. Er verwaltet über 13 Milliarden Dollar in mehr als 450 Emissionen, bildet den Index ICE Exchange-Listed Preferred & Hybrid Securities nach und berechnet 0,45 % im Jahr. Er läuft seit 2007.
PGX (Invesco Preferred ETF) hält rund 270 Emissionen mit festem Satz. Die Gebühr von 0,50 % ist unter den passiven Fonds der Fünfergruppe die höchste.
PFFD (Global X U.S. Preferred ETF) ist bei den Gebühren am günstigsten, 0,23 % im Jahr. Das Portfolio unterscheidet sich von PFF nur in Details, der Fonds ist aber kleiner und weniger liquide.
FPE (First Trust Preferred Securities & Income ETF) wird aktiv verwaltet. Der Verwalter hält sich an keinen Index und wählt die Emissionen nach eigener Bewertung aus, auch ausländische. Dafür berechnet er 0,83 % im Jahr.
PFXF (VanEck Preferred Securities ex Financials ETF) lässt als einziger Banken und Versicherer weg. Sein Portfolio baut auf Versorgern, Immobilien-REITs und Industrie auf und wiederholt damit nicht das Sektorrisiko der übrigen Fonds.
Aktuelle Kurse, Dividenden und Renditen der Fonds, einschließlich der UCITS-Variante, zeigt die Tabelle.
| Unternehmen | Kurs | Dividende | Rendite |
|---|---|---|---|
| iShares Preferred and Income Securities ETF PFF | 30,61 USD | 1,82 USD | 5,95 % |
| Invesco Preferred ETF PGX | 10,61 USD | 0,68 USD | 6,38 % |
| Global X U.S. Preferred ETF PFFD | 18,44 USD | 1,19 USD | 6,48 % |
| First Trust Preferred Securities and Income ETF FPE | 17,70 USD | 1,06 USD | 6,01 % |
| VanEck Preferred Securities ex Financials ETF PFXF | 18,06 USD | 1,18 USD | 6,54 % |
| Invesco Preferred Shares UCITS ETF PRFD.L | 14,29 USD | 0,80 USD | 5,59 % |
Kurse sind Richtwerte, mit Verzögerung.
Wie man aus Europa an sie kommt
Die amerikanischen ETFs bekommt man bei einem europäischen Broker nicht. Ihnen fehlt das europäische Basisinformationsblatt KID, und ohne dieses Dokument dürfen sie nach den EU-Regeln für verpackte Anlageprodukte Privatanlegern nicht angeboten werden.
Es gibt genau eine UCITS-Alternative: Invesco Preferred Shares UCITS ETF (PRFD). Er bildet den Index ICE BofA Diversified Core Plus Fixed Rate Preferred Securities mit physischer Replikation nach, berechnet 0,50 % im Jahr und zahlt die Dividenden vierteljährlich aus. Gehandelt wird er in London, Mailand und an der Schweizer Börse SIX. Es ist ein kleiner Fonds mit weniger als hundert Millionen Euro verwaltetem Vermögen, womit auch der breitere Spread beim Handel zusammenhängt.
Einzelne Vorzugsaktien fallen nicht unter die Regeln für verpackte Anlageprodukte. Wer bei seinem Broker Zugang zu den amerikanischen Börsen hat, kauft sie wie jede gewöhnliche Stammaktie.
Häufige Fragen
Was bedeutet ein Ticker mit PR in der Mitte? +
Es sind verschiedene Schreibweisen derselben Vorzugsemission. Yahoo Finance schreibt BAC-PB, andere Plattformen BAC.PR.B und Interactive Brokers BAC PRB. Der Buchstabe nach dem PR oder nach dem Bindestrich bezeichnet die Serie.
Lohnt sich der Kauf einer Vorzugsaktie über dem Nennwert? +
Nur mit Bedacht. Vor dem Kauf rechnet man mit der Rendite bis zum Rückkauf, nicht mit der laufenden Rendite auf den aktuellen Kurs.
Wann darf eine Firma eine Vorzugsaktie zurückkaufen? +
Ab dem im Prospekt genannten Call-Datum, typischerweise fünf Jahre nach der Emission, zum Nennwert. Ältere Emissionen stecken oft schon im Rückkauffenster, und der Emittent kann den Rückkauf jederzeit ankündigen.
Wie kauft man amerikanische Vorzugsaktien aus Deutschland? +
Einzelne Emissionen sind kein verpacktes Anlageprodukt, sie fallen also nicht unter die PRIIPs-Regeln und lassen sich bei einem Broker mit Zugang zu den amerikanischen Börsen kaufen. Die amerikanischen ETFs auf Vorzugsaktien kann der europäische Privatanleger nicht kaufen, die UCITS-Variante ist der Invesco Preferred Shares UCITS ETF.
Für wen sie sich eignen
Vorzugsaktien passen in den Teil des Portfolios, von dem der Anleger eine regelmäßige Ausschüttung erwartet und dabei hinnimmt, dass der Kurs des Papiers langfristig auf der Stelle tritt. Wer Wertzuwachs sucht, findet ihn eher bei gewöhnlichen Dividendenaktien. Wer mehr Sicherheit will, bei Staatsanleihen.